Workcamp Kenia – Nyang'oma

Am Abend des 29. August traf sich unsere Gruppe am Frankfurter Flughafen, voller Vorfreude auf die kommenden vier Wochen in Kenia.

Nach einem Zwischenstopp in Abu Dhabi landeten wir etwa 16 Stunden später müde, aber glücklich in Nairobi. Und sogleich lernten wir unsere erste Lektion: Geduld, hier in Kenia dauert alles etwas länger. So bestiegen wir nach etwa einer Stunde Wartezeit das Auto von Nick, der uns nach Nyang’oma bringen würde; und lernten unsere zweite Lektion: zu wenig Platz im Auto gibt es nicht, in einen 7-Sitzer passen locker neun Personen und acht Reiserucksäcke, man muss nur ein wenig zusammen(d)rücken. Nach einem kurzen Halt am beeindruckenden Great Rift Valley erreichten wir etwa um 19 Uhr Nakuru und aßen dort zu Abend. Mit der Einsicht, dass wir es nicht mehr bis Nyang’oma schaffen würden, wurde spontan eine Übernachtung in Kisumu geplant, wo wir erst spät ankamen. Am nächsten Tag ging es früh weiter, sodass wir gegen Mittag im fast menschenleeren Nyang’oma ankamen. Wir bezogen das Haus, welches für die kommenden drei Wochen unser Zuhause sein würde. Zum Mittagessen waren wir bei Father Godwin eingeladen, der uns reichlich kenianische Speisen wie Ugali, Sukumawiki, Green Grams und Chapati mit Chips, Fisch und Hühnchen anbot, die wir zunächst vorsichtig probierten, dann jedoch begeistert aßen. Es war sehr lecker und es machte einfach Spaß ohne Besteck mit den Händen zu Essen. Wir lernten auch Mama Jane kennen, die während unserer Zeit in Nyang’oma das Abendessen für uns kochen würde. Sie bereitete uns viele leckere Gerichte zu und schnell schlossen wir sie in unsere Herzen.

In unserem Gespräch mit Father Godwin erfuhren wir, warum kaum Menschen, vor allem kaum Kinder in Nyang’oma waren: In ganz Kenia streiken die Lehrer für mehr Gehalt, die staatlichen Schulen seien geschlossen und daher nur wenige Kinder angereist. Während sich zwei unserer Teilnehmerinnen, angehende Krankenschwestern, in der Krankenstation einbringen wollten, war vor allem die Hoffnung von uns restlichen sechs groß, dass sich die Lage schnell ändern würde. Leider sollte sich diese Hoffnung nicht erfüllen. So war die Stimmung der Gruppe im Laufe der Zeit gedämpft, da die meisten von uns in die verschiedenen Gehörlosenschulen gehen wollten, um zu unterrichten, sich mit den Lehrern auszutauschen, mit den Kindern zu spielen und vor allem die kenianische Gebärdensprache zu lernen. Es musste ein Ausweichprogramm her! Nachdem wir uns an unserem zweiten Tag in Nyang’oma im Sisters’ Convent, wo wir von den Nonnen bei einem Tee sehr herzlich empfangen wurden, in der Krankenstation und im Waisenhaus vorgestellt hatten, verbrachten wir über die Dauer unseres Aufenthalts in Nyang’oma unsere Vor- und Nachmittage oft im Waisenhaus, halfen die Babys zu füttern und zu versorgen, spielten mit den größeren Kindern im Hof und unterstützten die Frauen im hauswirtschaftlichen Bereich. Außerdem engagierten sich besagte zwei von uns neben den Ärzten und Schwestern in der Krankenstation. Wir lernten unsere Nachbarinnen, einige Bewohner sowie Lehrerinnen und Lehrer kennen. Darunter war auch ein gehörloser Lehrer des „Technical Institute for the Deaf“, später auch einige gehörlose Schüler. Schnell mussten wir feststellen, dass uns unsere Kenntnisse in der Deutschen Gebärdensprache nicht viel weiter helfen würden. Außer des Fingeralphabets hat die Kenianische Gebärdensprache keine Gemeinsamkeiten mit der deutschen. Mit ausreichend Ausdauer und Willen schafften wir es dann mit der Zeit doch noch, uns miteinander zu verständigen. Ein toller Erfolg! ☺

Auch bekamen wir häufig Besuch von Steve und Vincent, die mit uns an den Viktoria See gingen, mit uns aßen und einige lustige Spieleabende verbrachten. Doch wir blieben nicht nur im Dorf, sondern machten auch Ausflüge. An unserem ersten Wochenende fuhren wir mit dem Matatu, einem (natürlich überfüllten) Kleinbus, nach Kisumu, besuchten den Massai-Markt und kauften Souvenirs und Stoffe, aus denen wir uns in Nyang’oma u. a. Röcke und Taschen nähen ließen. Kisumu ist eine geschäftige Stadt, mit vielen Menschen, Geschäften und Fahrzeugen. Überall wurde nach uns gerufen: „Mzungu! How are you?“, sehr viele Händler/innen wollten, dass wir bei ihnen kaufen, oder uns einfach einmal anfassen. Dieses Verhalten war uns zunächst ziemlich befremdlich, doch wir gewöhnten uns daran und wussten immer besser damit umzugehen. Am darauffolgenden Wochenende machten wir eine, dank unseres Fahrers abenteuerliche Fahrt in den Kakamega Regenwald, wo wir durch den Dschungel liefen, uns in eine Fledermaushöhle trauten und einen kleinen Berg bestiegen, von dessen Gipfel aus wir die wunderschöne Aussicht über den Regenwald und die Umgebung genossen. Die vielen fremden Vogel- und Tiergeräusche und die ungewöhnliche Pflanzenwelt waren eindrucksvoll und erstaunlich!

Immer wieder nahm uns Father Godwin mit zu seinen Gottesdiensten in anderen Kirchen der Gemeinde und auf Ausflüge u. a. nach Osieko am Viktoriasee, Siaya und Sega. Da die Gottesdienste auf Luo, der Stammessprache, gehalten werden, verstanden wir fast nichts, was in den ca. 2-3 Stunden gesprochen und gesungen wurde. Für uns waren vor allem die Lieder, zu denen getanzt, geklatscht und gerufen wird, immer wieder ein Highlight der sonst recht anstrengenden Messen. In der Hitze saßen und knieten wir gedrängt auf harten Holzbänken. Auch fiel es uns schwer einen Sitzplatz anzunehmen, besonders wenn alte Menschen für uns aufstanden, damit wir auf ihren Stühlen sitzen konnten, während sie sich selbst auf die Kante einer unbequemen Bank quetschten. Auffallend war auch, wie sehr sich die einzelnen Dörfer und ihre Kirchen unterscheiden.

An einem Tag fuhren wir zu zwei Gottesdiensten. Der erste fand in einer großen Kirche, mit verputzten Wänden und Buntglasfenstern statt, während die darauf folgende Messe in einer kleinen Lehmhütte mit Wellblechdach gehalten wurde, deren Wände schon sehr zerfallen waren. Wir besuchten auch einen Ort, an dem eine neue Kirche gebaut wird und wir erkannten erneut, vor welch großen finanziellen Problemen die Menschen in Kenia oftmals stehen und mit wie wenig Mitteln doch das Bestmögliche durch gemeinsame Anstrengung und Hilfsbereitschaft geschafft wird. Eine sehr beeindruckende und lehrreiche Erkenntnis.

In unserer ersten Woche in Nyang’oma regnete es jeden Abend wie aus Eimern. Da wir bis zum Ende unseres Aufenthalts kein Wasser in den Leitungen hatten, war uns der Regen willkommen und wir fingen so viel Wasser wie möglich mit Eimern und Schüsseln auf. Mit dem Regen ging jedoch der Strom, sodass wir abends bei Kerzen- und Taschenlampenschein beisammen saßen, Spiele spielten, lasen oder unsere Tagebücher schrieben. Doch schon bald blieb auch der Regen aus und wir erkannten, wie groß die Wassernot werden kann; und mit wie wenig Wasser wir doch auskommen konnten.

Die Zeit in Nyang’oma verging wie im Flug. An unserem letzten Wochenende nahm uns Father Godwin mit in einen Club in Bondo, wo wir gemeinsam aßen, uns unterhielten und zu kenianischer Musik tanzten. Am Samstag und Sonntag bereiteten wir unsere deutschen Spezialitäten zu (Brezeln, Schokoladenmuffins, Cremepudding und Gummibärchen) und veranstalteten unseren „Deutschen Abend“. Drei Frauen unterstützten uns und kochten für unsere Gäste kenianische Speisen. Mit fast zweistündiger Verspätung konnten wir anfangen; eine völlig typische Gegebenheit. Es waren viele der Eingeladenen eingetroffen, noch dazu ein ganzer Tisch voll Kinder aus der Nachbarschaft, die sich die Party und das leckere Essen nicht entgehen lassen wollten. Wir sangen, aßen, spielten ein Ratespiel über deutsche Kultur und Eigenheiten und tanzten noch bis spät in die Nacht. Es war ein toller Abend!

Am nächsten Tag hieß es packen und Abschied nehmen. Wir machten eine Runde durchs Dorf und übergaben unsere Gastgeschenke. Keine von uns hatte so richtig Lust zu packen, nur der Gedanke an unsere Reisewoche konnte uns Motivieren. Und so ging es am Dienstag los nach Nakuru, wo wir eine Nacht in einem Hotel in der Stadt verbrachten, bevor wir in den Nationalpark am Lake Nakuru fuhren. Hier waren nicht die Tiere eingezäunt, sondern wir mit unserem Haus. Zum Glück! Denn bald zog eine riesige Horde Büffel an unserem Gelände vorbei. Was für ein beeindruckender Anblick! Auf unseren Pirschfahrten hatten wir großes Glück, wir sahen nicht nur Zebras, Gazellen, Perlhühner, Affen, Warzenschweine und Antilopen, sondern auch Löwen, Nashörner, Flamingos, Marabus und Giraffen, jeweils sowohl ausgewachsene als auch Jungtiere. Sogar ein Hippo lief uns über den Weg! Selbst unser Fahrer konnte es kaum fassen.

Dann ging es auf zu unserer letzten Station: Naivasha. Dort machten wir eine Fahrrad-Safari durch den Hells Gate Nationalpark. Es war ein unbeschreibliches Gefühl ohne jegliche Barriere zu den Tieren über die Wege zu fahren, zum Teil nur ein paar Meter von Giraffen und Zebras entfernt. Wir stiegen auch hinunter in eine Schlucht, durch die uns unser Guide führte. Das war einigen noch nicht genug; nach dieser langen Tour im Nationalpark beschlossen drei von uns noch einen Ausritt auf Pferden zu machen. Was für ein gelungener Abschluss einer unglaublich schönen Zeit in Kenia! Wir durften eine uns fremde Kultur und viele wunderbare Menschen kennen lernen und haben uns dabei vom ersten Tag an willkommen und wohl gefühlt.

Die vielen lehrreichen Erlebnisse und Eindrücke wirken tief und hinterlassen ein unbeschreibliches Gefühl der Dankbarkeit.

Teilnehmer_in 2015

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Begegnung von Gehörlosen und Hörenden

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